Shirin Damerji / Böhmen, Ur und Abraham

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29.06 – 28.07.2017


Familiengeschichten formulieren sich in Fotografien, Videofilmen, Schriftstücken und in besondere Weise durch mündliche Überlieferungen. Sie gelangen über verschlungene Pfade von Generation zu Generation. Dabei verändern sich Inhalte, Ereignisse und Erzählstränge, und das erzählende Ich setzt sich ins Verhältnis zu den anderen Familienmitgliedern. So kann jede Perspektive einen anderen Akzent setzen, kann Gemeinheiten abschwächen, Intrigen überhaupt erst entwickeln, schöne Momente noch heller strahlen lassen. Familiengeschichte liegt also im Auge des Betrachters oder: in der Hand der Künstlerin, die sich mit dem Zeichenstift der Geschichte ihrer Familie annimmt. Sicherlich ist die Familienkonstellation, auf die Shirin Damerji in ihrer aktuellen Arbeit „Böhmen, Ur und Abraham“ Bezug nimmt, eine Außergewöhnliche, denn ihre Verwandten stammen aus unterschiedlichen Geografien und disparaten sozialen Verhältnissen.
Die Geschichte ihrer Urgroßmutter Babie schrieb Damerji bereits vor längerer Zeit auf. Aus dem Typoskript ist nun eine Art Graphic Novel geworden, die sich als gezeichnete Bildgeschichte mit Text entfaltet. Der Nachname der Urgroßmutter, Abraham, verweist auf den gleichnamigen alttestamentarischen „Vater der vielen Völker“; Judentum, Christentum und Islam beziehen sich auf Abraham als Ursprungsfigur. (Babie) Abraham ist auch eine Anfangsgestalt für Damerji, denn sie ist die älteste Verwandte, die sie als Kind noch persönlich kannte, lieben und fürchten lernte. Denn Urgroßmutter Babie war eine „schwierige Frau“, wie die Künstlerin ihre Geschichte einführt: „Immer war die Babie mit einer Nachbarin zerstritten, dann durfte die ganze Familie nicht mit der Querulantin sprechen...“. Dem konfliktreichen Leben ihrer Urgroßmutter gibt Damerji eine Sichtbarkeit, indem sie bestimmte Ereignisse, von denen ihr berichtet wurde, in eine strenge zeichnerische Form übersetzte. So betont sie die Umrisslinien, Gesichter sind nur angedeutet, wenn Personen und ihre Emotionen ihr nicht bekannt sind – so als formuliere sich das Vergangene in dem Ungefähren einer visuellen Erscheinung. In den meisten Zeichnungen jedoch legt die Künstlerin großen Wert auf einen klaren Gesichtsausdruck und arbeitet wie in einem Storyboard mit unterschiedlichen Einstellungsgrößen. Gesichter sind in Close-up gezeichnet, um Emotionen in ihren Koloraturen auszudrücken. Oder aber Damerji hebt zur Steigerung der Bildwirkung einzelne Details hervor, so beispielsweise Hände, die sich berühren.
Aus einem ganzen Leben sind dabei nur einzelne Szenen herausgegriffen, die von der Urgroßmutter vielleicht mehrfach erzählt wurden oder an die sich die Künstlerin als Kind nur besonders erinnerte. Die Erinnerung entsteht stets rückblickend, der Ausgangspunkt ist die Gegenwart. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat in der Definition für Prozesse des Erinnerns geschrieben: „Das Erinnern verfährt grundsätzlich rekonstruktiv; es geht stets von der Gegenwart aus, und damit kommt es unweigerlich zu einer Verschiebung, Verformung, Entstellung, Umwertung, Erneuerung des Erinnerten zum Zeitpunkt seines Rückrufes.“ Erinnern funktioniert über Erinnerungsinseln, über die wir in die Vergangenheit springen: von Insel zu Insel, von Bild zu Bild. „Böhmen, Ur und Abraham“ ist nur ein Teil eines umfangreichen Rechercheprojekts zur eigenen Familiengeschichte. So setzte sich Damerji bereits in ihrem märchenhaften Animationsfilm „Chrilleriche“ (2000) mit der Liebes- und Trennungsgeschichte ihres irakischen Vaters und der deutschen Mutter auseinander sowie in „Meine Großmutter der Naftatschi und die Ölfelder“ mit der alleinerziehenden irakischen Großmutter. Dass die Urgroßmutter aus Böhmen stammte und vielleicht (so lässt der Nachname vermuten) jüdischen Glaubens war, mag das Selbstbild Damerjis verändern, die damit auf eine religiös heterogene Familie zurückblicken kann. Eine solche religiös, geografisch und kulturell uneindeutige Herkunft kann aus eindeutigen Zuschreibungen befreien. Die Familienbiografie Damerjis ist ein schönes Beispiel dafür, dass sich Gesellschaft gerade nicht aus puren, unvermischten Konstellationen konstituiert. Jeder und jede hat das Fremde in sich. Damerji stieß bei dem Versuch, einen Stammbaum zu zeichnen, auf eine gewaltige Zahl direkter Vorfahren. Bei 20 Generationen (damit wäre sie noch lange nicht bei Vater Abraham, sondern nur im Jahr 1.500 n. Chr.) und unter Berücksichtigung der Eltern würde jeder Mensch von mehr als 16 Millionen Vorfahren abstammen. Die Chance auf einen kulturell reinen Stammbaum, wie sich ihn derzeit viele Patrioten und Nationalisten erträumen, stehen nicht gut.


Burcu Dogramaci




[Bohemia, Great grand (-mother), and Abraham]
Family histories often find their way of expression through photographies, video films, documents, and in a very specific manner also through oral tradition. Entwined paths guarantee the passage of these from generation to generation. By doing so, content, events, and narrative threads change and the first-person perspective is put into relation with other family members. Consequently, each and every perspective shifts in emphasis; mean elements are softened, intrigues are schemed, beautiful moments shine brighter. Family histories thus lie in the eye of the beholder, or in the hand of the artist, who attends to her family’s history with a drawing pencil. Surely, the family constellation Shirin Damerji refers to in her latest work “Böhmen, Ur und Abraham” is extraordinary, since her relatives come from different geographies and disparate social circumstances respectively.
Damerji had recorded her great grandmother Babie’s story already quite some time ago. Yet, the typescript has now become a kind of graphic novel, which reveals a drawn picture story and some accompanying text. Her great grandmother’s surname Abraham refers to the identically-named “father of many nations” of the Old Testament; Judaism, Christianity, and Islam all trace their origins back to Abraham. In a way, (Babie) Abraham constitutes a beginning too. She is not only the oldest relative Damerji got to know personally as a child, she also learnt to love and fear her. For great grandmother Babie was a “difficult woman,” the artist reveals: “Babie was always on bad terms with at least one neighbour and the entire family was therefore not allowed to speak with the respective troublemaker ...” Damerji gives her great grandmother’s adversarial life visibility by translating specific events, which she was told of, into a rigid graphic form. Thus, contours are emphasised, faces of unknown people and their emotions remain vague, as if the past is to formulate itself in the vagueness of a visual appearance. It is important for the artist however that facial expressions are clear in most of the works and thus, similar to a storyboard, different close up levels are used. Faces are drawn in close up in order to express their emotions in their coloratura. Elsewhere, Damerji highlights single details to increase the image’s effect, such as hands which touch each other.
Only individual scenes were taken from an entire life; scenes, her great grandmother might told her multiple times about or which the artist remembered specifically as a child. Memory is created only in retrospect, origin will always be the present. The cultural scientist Aleida Assmann wrote the following on the definition of memory process: “Active memory is intrinsically reconstructive; it always originates in the present and thus, inevitably, causes a shift, deformation, distortion, revaluation, regeneration of memory at the very moment of its recall.” Memory functions through memory islands over which we jump back in to the past: from island to island, from image to image.
“Böhmen, Ur und Abraham” constitutes only a small fraction of a larger research project on the artist’s own family history. This is why Damerji dealt with the love and separation story of her Iraqi father and her German mother already in the fairytale-like animated film “Chrilleriche” (2000) and with her Iraqi single grandmother in “Meine Großmutter der Naftatschi und die Ölfelder [My Grandmother of the Naftatschi and the Oilfields].” That her great grandmother was from Bohemia and maybe of Jewish faith (her surname gives rise to such speculation) might change Damerji’s self- image, who for this very reason can look back at a religiously heterogeneous family. Such a religiously, geographically, and culturally ambiguous origin can free oneself from distinct allocation and determination. Damerji’s family biography is thus a beautiful example for societies being hybrid and diverse constellations. Everyone carries the alien within. With the attempt of drawing a family tree, Damerji came across a vast number of direct ancestors. Tracing back 20 generations (she was still nowhere near Father Abraham, instead she had merely reached the year 1,500 AD) and also taking into account her parents, every human being would descend from more than 16 million ancestors. The chance to reach a culturally pure family tree, as currently envisioned by many patriots and nationalists, seems thus minimal.


Burcu Dogramaci

Shirin Damerji
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Biography

1971geboren in Landshut
1973-77Aufenthalt in Bagdad, Irak
1977–1991Schulzeit in Landshut und Straubing
1992-95Ausbildung zur Goldschmiedin an der Staatlichen Berufsfachschule für Glas und Schmuck, Kaufbeuren-Neugablonz
1995-97Goldschmiedegesellin
1997-2004Studium an der Akademie der Bildenden Künste, München
2000/01Gastsemester an der Universität der Künste, Berlin, Filmseminar
2005Diplom an der Akademie der Bildenden Künste, München
Stiftung Kunstakademie München: Lothar-Späth-Preis
2009Debutantenförderung BBK München
HWP-Stipendium des Bayerischen Staatsministeriums für Forschung und Kunst

Solo Exhibitions

2017“Böhmen, Ur und Abraham“ / Francoise Heitsch, München
2012"Girls from Ghazalija" / Françoise Heitsch, München

Group Exhibitions

2018"Guten Morgen, du Schöne" / Galerie Foe, München
2017"Toge(ga)ther" / Kunstpavillon - Alter Botanischer Garten, München
"Angewanzt" / BKV, München
2015"Expedition Medora VIII; Weltraum" / Rathausgalerie, München
"Expedition Medora IX „WIR GEFÜHL“" / MaximiliansForum, München
Videodox / Galerie der Künstler BBK Oberbayern
"Expedition Medora X; Jahresgaben Weltraum" / Kunst am Center for Advanced Studies
2014"Drei Säulen für Martha" / Röcklturm Neue Galerie Landshut
2013"Bescherungs-Auflagen" / Neue Galerie Landshut, Landshut
Kunstnacht / Neue Galerie Landshut
Editionen 2013 / Neue Galerie Landshut
2012Leihweise 2012 / Artothek München
2011"Enzyklopädie der Frau" / Kunstverein Passau & Neue Galerie Landshut
"The nightingale and the rose" / Kunsthalle Rathausgalerie München
2010"Schleierhaft in Taliburkan. Frauen im Islam" / Seidlvilla, München
"Story Telling" / White Space, Zürich
2009Förderpreise Landeshauptstadt / Lothringerstr.13 Debutanten 2009, BBK München
"Expedition Medora VII" / Weltraum, München
2008"Des Wahnsinns fette Beute" / Neue Sammlung, Pinakothek der Moderne, München
"Expedition Medora V" / Wittelsbacherplatz, 850 Jahre München
"Transit" / Gedok München – Jahresausstellung
"Expedition Medora VI" / ZKMax, München
"3xMünchen" / Raum 58, München
2007"Screening of young filmmaker" / Galerie Makan, Amman
"Jordanien Your hairlights are so beautiful" / Artothek, München
"plattform-iraqi-youth" / Schrannenhalle, München
"Expedition Medora III" / Kunstarkaden, München
"Reality Crossings" / 2. Internationales Fotofestival Mannheim - Ludwigshafen - Heidelberg, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafe
"Expedition Medora IV" / Galerie Steinle – Villa am Böhmerwaldplatz, München
"Underdoxfestival" / Werkstattkino, München
2006"Arabesque Superiör" / Lothringer 13, München
"Underdox Filmfestival für Dokument und Experiment" / Werkstattkino, München
"Expedition Medora I" / ZKMax, München
2003"Videofestival: Es ist schwer das Reale zu berühren" / in: Großbritannien, Schweden, Norwegen, Estland, Spanien, Ungarn, Österreich, Deutschland, Kunstverein, München